Schneiden, hören, sagen, weitersagen

Historischer Friseursalon in Altenburg
Schneiden, hören, sagen, weitersagen

17.04.2014  ·  Seit 1966 hatte niemand den Laden betreten, in dem der Friseurmeister von Altenburg vierzig Jahre lang gearbeitet hatte. Erst im Jahr 2002 wurde er wieder aufgeschlossen. Jetzt ist er ein Museum, in dem es immer noch nach Haarwasser duftet.
Von Paul Stänner

Um das Jahr 1966 hatte Friseurmeister Arthur Grosse die Nase voll. Vierzig Jahre lang hatte er Haare geschnitten, Locken gewickelt, Koteletten gekürzt und Bärte gestutzt. Er hatte seine Schuldigkeit für die Schönheit der Menschen getan. Grosse hängte den Kittel an den Haken, schloss die Tür ab und betrat den Laden nie wieder. Ging weg. Bei Ernest Hemingway oder Patricia Highsmith hätte ein Roman so begonnen, in der DDR ging der Mann einfach in Rente und widmete sich fortan seinem Lieblingsthema, dem Schutz der schönen Natur.

Bis zum Jahr 2002 ruhte der Friseursalon vergessen und unberührt, erst dann schloss jemand die Tür wieder auf, um nachzuschauen, was es mit diesem Salon auf sich hat, an dem alle vorbeiliefen, in den aber niemand reinschaute. Der Kittel hing - und hängt - noch da, wo Grosse ihn hingehängt hat, und alles andere ist auch noch so wie in den Jahren zuvor.


Die Herren thronten in der Auslage

In Altenburg in Thüringen, der Stadt, die durch den Sitz des Internationalen Skatgerichts geadelt ist, schlendert der Besucher durch die Altstadt, geht auf den Brühl (kleiner Platz), vorbei am Skatbrunnen (wo Karten getauft werden, sonst wird das nichts mit dem Grand-mit-vier-Wenzel, wie man in Thüringen sagt) und kommt zu einem besonders unscheinbaren Haus. Im Erdgeschoss liegt der Historische Friseursalon, laut Deutscher Stiftung für Denkmalpflege der einzige Salon mit dieser nahezu vollständig erhaltenen Einrichtung. Grosse hatte wohl keine Lust mehr gehabt, hinter sich aufzuräumen, als es ihn in die Natur zog.

Im Jahr 1926 hatte er seinen Salon mit Herren- und Damenabteilung eröffnet. Nach der Mode der Zeit thronten die Herren am Fenster im vorderen Raum, quasi in der Auslage, vor großformatigen Spiegeln. An den Wänden war roter und schwarzer Marmor. Die Damen dagegen saßen mit steifen Hälsen unter ihren Trockengestellen, die mit metallenen Krakenarmen den Kopf umfassten, in einer Art Wartehalle zum Hof hinaus.


Ein Leben lang Fassonschnitt

Alles ist erhalten: Da sind die alten, gefährlich anmutenden Handschneidegeräte. Und da hängt an einem längs gespannten Stahlseil ein ananasgroßes Gerät wie aus dem Baumarkt, der Elektromotor für den Haarschneider. Durch einen Schlauch war der vollmotorisierte Haarentferner mit dem Motor verbunden, den Arthur Grosse am Seil von einem Kunden zum nächsten schieben konnte. Dann saß vor ihm auf einem hohen gepolsterten Thron der Kunde. Dieser hatte sein Haupt bequem gegen eine Nackenstütze gelehnt, die mit einem Papierüberzug versehen war, der Kunde für Kunde von der Rolle gerissen wurde. Begleitet von einem tiefen, elektrischen Surren ging der Schnitter ans Werk.

Der Salon mit dem Kanonenofen und der Werbung für intime Latexprodukte hat Depression und Weltwirtschaftskrise, Weltkrieg und Sozialismus überstanden. Vor jedem Modernisierungsschub hat er sich weggeduckt. Das Internationale Skatgericht mochte seine Regeln ändern, Herr Grosse änderte nichts. Wahrscheinlich ist er auch sein Leben lang beim Fassonschnitt geblieben.


Die Duftspur eines Haarwassers

Aus dem Jahr 1926 gibt es noch die alten Waschbecken mit den Knebelarmaturen für heißes und kaltes Wasser, das Rasiermesser und den Lederriemen, an dem das Messer gewetzt wurde. Es gibt noch die Brennschere für die Dauerwelle der Damen und den ondulierten Herren. Dazu gehört ein kleines Bänkchen, das mit der städtischen Gasleitung verbunden ist. Die Ondulierschere wurde auf das Bänkchen gelegt, rechts und links schossen - und schießen noch - Gasflammen empor und heizten die Schere auf. Ältere Besucher werden beim Anblick dieses Instruments die alten Schmerzen an den Ohren wieder spüren, wenn die Hand des Friseurs ausrutschte. Und als sei das der Folterwerkzeuge nicht genug, fällt der Blick auf blutige Schröpfköpfe und andere chirurgische Hilfsmittel, die einst zur Ausstattung des Barbiers gehörten. Im Verkaufsständer liegt noch die Seife von früher im Angebot, dazu ein Haarwaschmittel, an das sich die Herstellerfirma Schwarzkopf kaum erinnern kann, und es hängt immer noch die Duftspur eines Haarwassers in der Luft, das nicht mehr hergestellt wird.

Vor sechs Jahren hat ein Förderverein das Haus und den Salon unter seine Fittiche genommen. Deshalb kann man ihn heute besichtigen und sich dort sogar bisweilen die Haare schneiden lassen. Und er wäre fast zu einiger Berühmtheit gekommen, als ein internationales Herrenmagazin dort Aufnahmen gemacht hat - allerdings sah man auf den Fotos später viel schimmernde Haut, hingegen kaum etwas von der Kulisse.

Quelle: F.A.Z.

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Veröffentlichung

Di, 29. April 2014

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