Als Männer noch kunstvolle Schnauzer trugen - und Barttassen brauchten

Kleine, aber feine Ausstellung im historischen Friseursalon zeigt die besonderen Trinkgefäße

Von Ellen Paul
Altenburg. Für seinen historischen Friseursalon ist Peter Müller zu beinahe jeder "Schandtat" bereit. Wenn es der Anlass gebietet, schlüpft er eben in den alten Arbeitskittel des letzten Laden-Inhabers, trimmt sein Haar mit viel Pomade auf 20er-Jahre-Look und findet auch noch das passende Nasenfahrrad aus dieser Zeit. So haben den Altenburger Friseurmeister schon viele Skatstädter gesehen. Wer jedoch am Montagnachmittag die Salontür in der Pauritzer Straße öffnete, traute seinen Augen kaum. Ist er's oder ist er's nicht?
Ja, es ist Peter Müller, der den Besucher mit einem Zwirbelbart und Wuschel-Koteletten à la Kaiser Wilhelm I. anstrahlte. Eigens im Landestheater angeklebt zum Fotoshooting für eine kleine, aber feine Ausstellung, die derzeit im Friseurhaus zu sehen ist: Barttassen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Damals nämlich trugen Männer solch kunstvolle Bärte, die mit einer gehörigen Portion Wachs in Form gehalten wurden. Wenn man(n) dann aber beispielsweise eine Tasse heißen Kaffees genießen wollte, begann das Wachs zu tröpfeln. Damit verlor das Schmuckstück nicht nur seinen Halt, der Kaffee schmeckte wahrscheinlich auch nicht sonderlich gut. So wurde um 1820/30 die Barttasse erfunden - vermutlich von einem Töpfermeister in England. Darin ist ein Steg mit einer kleinen Öffnung, der den schadlosen Genuss jeglichen Getränks für die bärtigen Vertreter des starken Geschlechts möglich machte.
Das und noch viel mehr zu diesem Thema zu berichten weiß Michael Matthes aus Bernburg, der Eigentümer von rund zwei Dutzend dieser Zeugnisse aus längst vergangener Zeit. Gesammelt in rund drei Jahrzehnten auf Flohmärkten und im Internet bei Ebay.
Über einen Kumpel hat der 58-Jährige vom historischen Friseursalon in Altenburg erfahren und ihn am Ostersonntag selbst in Augenschein genommen. "Ich war begeistert, was hier alles erhalten ist", erzählt Michael Matthes, der aus gleichem Holz geschnitzt ist wie Peter Müller. Denn er hat in Bernburg einen Laden und eine Werkstatt, in denen sich der Besucher ebenfalls auf eine Zeitreise begeben kann - in Deutschlands letzter historischer Bürstenmacherei. Mit dem seltenen und fast ausgestorbenen Handwerk ist Michael Matthes übrigens alljährlich auf dem Altenburger Altstadtfest mit einem Stand vertreten.
Bei seinem außerplanmäßigen Osterbesuch stellte er fest, dass es im Salon sehr wohl Bartbinden, aber eben keine Barttassen gibt. Schnell war die Idee geboren, seine Sammlung für einige Monate hier auszustellen. Zumal sich in Bernburg trotz entsprechender Suche noch kein Ausstellungsraum gefunden hat und die Tassen sonst meist verpackt in Kartons liegen.
Zu sehen sind Barttassen, die mit viel Liebe zum Detail gefertigt wurden und meist mit mehr oder weniger klugen Sprüchen verziert sind. "Die reichen von freundschaftlich bis hin zu deutsch-national und stammen aus der Zeit um 1870 bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts", berichtet der Sammler. Er hat aber nicht nur die vor allem unter Kaiser Wilhelm II. so richtig in Mode gekommenen Tassen und sogar ähnlich ausgerüstete Bierbecher mitgebracht. In der Vitrine steht auch diverses Gerät zur Bartrasur wie etwa Pinsel, Halterungen und sogenannte Barbierschalen oder Barbierbecken.
"Sie wurden den Kunden unters Gesicht halten, und der Friseur weichte per Hand die Bartstoppeln ein, damit sie sich leichter entfernen ließen", erläutert Michael Matthes - und lässt den Bartträger auf Zeit, Peter Müller, flugs auf dem Friseurstuhl Platz nehmen. Allerdings nur zum Schein. Denn das Theater sollte das Schmuckstück ja unbeschadet zurückerhalten. Mit einem alkoholhaltigen Lösungsmittel hat es Peter Müller sachte entfernt - und fühlt sich gleich viel wohler. "Da könnte man mir noch so viele Barttassen schenken, um nichts in der Welt möchte ich solch einen Bart in echt haben", lacht der 61-Jährige.
Aber wie gesagt: Für seinen Friseursalon ist er fast zu jeder "Schandtat" bereit - auch wenn er dann aussieht wie Kaiser Wilhelm I. mit 80 Jahren ...
© Kommentar
Die Ausstellung ist bis zum Tag des offenen Denkmals am 14. September in der Pauritzer Straße 2 donnerstags bis sonntags von 11 bis 16 Uhr zu sehen. Außerdem lädt der Friseursalon zur Museumsnacht am 14. Juni ab 18 Uhr zum Besuch ein.

 

Michael Matthes und Peter Müller mit einer Barttasse.

Zubehör von Friseursalons aus längst vergangenen Zeiten: Rasierpinsel und -becken, Nackenpinsel und Rasiermesser.

Eine verzinnte Barbierschale und ein seltenes Schild von einem Rasiersalon.

Barttassen in Nahaufnahme - ein Steg mit kleiner Öffnung ermöglicht das Trinken.

So wurde der Bart eingeweicht - Michael Matthes mit einer Barbierschale aus gehämmertem Messing. Fotos: Mario Jahn

Fotoserien

Als Männer noch kunstvolle Schnauzer trugen - und Barttassen brauchten (FR, 06. Juni 2014)

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Fr, 06. Juni 2014

Bild zur Meldung

Weitere Meldungen